Der Monarch und „sein“ Maler

Das Bild Friedrich des Großen bei Adolph Menzel – Ausstellung in der Alten Nationalgalerie

Die Namen Friedrich II. und Adolph Menzel sind eng miteinander verknüpft. Und das, obwohl den Monarchen und den Maler ein ganzes Jahrhundert trennt. Doch prägen vielfach noch heute Menzels Arbeiten unser Friedrichsbild. Der noch junge Künstler erfindet das Thema nicht neu. Er nimmt es nur auf, von Pesne und Chodowiecki. Ihre Werke bilden den Prolog der Ausstellung in der Alten Nationalgalerie.

Aus der intensiven Beschäftigung mit dem widersprüchlichen Monarchen hat sich der Maler herausgebildet, der nicht den Herrscher, sondern die dem Bürger nahe Autorität darstellt, den Verwalter seines Landes, den aufgeklärten Freund der Musen, den kecken und fehlbaren Feldherrn. Dabei hat Menzel wie kaum ein anderer die menschlichen Schwächen Friedrichs des Großen so scharf erkannt, die Kriege jener Zeit so abschreckend geschildert. Was aber bewog den unbestechlichen Beobachter und Realisten, Friedrich II. in den Fokus zu nehmen und sich fast drei Jahrzehnte mit dem Thema zu befassen, wenn er – Geschichte und Gegenwart gleichzeitig im Blick – später in der Distanz und hochdekoriert zu seinen Friedrich-Bildern bekennen muss: „Enfin bestand mein halbes Leben aus Reue“ und 1903 resigniert über sein populärstes Gemälde „Das Flötenkonzert“ feststellt: “…überhaupt habe ich nur gemalt des Kronleuchters wegen…..manchmal reut`s mich, dass ich’s gemalt habe“.

Am Anfang stand für den jungen Menzel, der seine akademische Ausbildung abbrechen musste, um nach dem frühen Tod des Vaters mit lithografischen Arbeiten Mutter und zwei jüngere Geschwister zu ernähren, ein dem äußeren Anschein existenzieller Auftrag. Zur Hundertjahrfeier von Friedrichs II. Thronjubiläum am 31. Mai 1840 soll der Kunsthistoriker und Publizist Franz Kugler ein Volksbuch zur „Geschichte Friedrichs des Großen“ erstellen nach dem französischen Vorbild für Napoleon und bringt Menzel als Illustrator ins Gespräch. Dieser geht mit Obsession an die Arbeit und liefert bereits Anfang 1839 die ersten Zeichnungen für die geplanten 400 Holzstiche. Drei Jahre lang nimmt die Arbeit ihn gefangen. Menzel verzichtet auf jede andere Tätigkeit. Der Künstler steht unter Zwang. Er betreibt ein intensives Studium alles dessen, was in das Jahrhundert Friedrichs gehört, und kann somit in den späteren Werken aus einem immensen Anschauungsvorrat heraus das lebendige Bild einer Epoche entstehen lassen, ohne dabei die künstlerische Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Trotzdem „Friedrich über alles“? „Meine Intention war, den Fürsten darzustellen, den die Fürsten hassten und die Völker verehrten, den …..alten Fritzen, der im Volke lebt“.

Die Kugler-Illustrationen sollten der Ausgangspunkt aller seiner Beschäftigung mit Friedrich II. bleiben. Im Herbst 1848 entstehen die ersten Skizzen zu „Tafelrunde“, „Flötenzimmer“, „Friedrich II. und die Seinen bei Hochkirch“. 1849 wird das erste Ölgemälde „Die Bittschrift“ fertiggestellt. Das Bild solle „giebts Gott, das Saatkorn einer langen Aehre werden“, schrieb er an den Freund Heinrich Arnold. Zwei Jahre später bekennt er: Ich habe mir meinen Stoff nicht leicht gemacht“ Die Sicht auf Friedrich II. wird schärfer, die Beziehungen zu seinem „Objekt“ kritischer. 1859 beginnt Menzel das letzte der Friedrichsbilder, sein „Schmerzenskind“, ein drei Meter hohes und mehr als vier Meter breites Ölgemälde „Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757“, die damals 30 000 Menschen das Leben kostete. Ein Bild das nie fertiggestellt werden sollte. „Ich bin kein Schlachtenmaler, kann auch keiner sein wollen“, resümiert der zwischen “Kunst und Konvention“ gespaltene Künstler. In seinem Aufsatz „Zum Tode Menzels“ 1905 schreibt der Publizist Franz Mehring“ mit Hinweis auf die Friedrich-Bilder: „Menzel hat diesen Stoff aus künstlerischer Neigung ergriffen und ihn mit künstlerischen Mitteln behandelt, in dem alleinigen Drange künstlerischen Schaffens“.

Insgesamt elf Gemälde, abgesehen von den zahlreichen Skizzen und Gouachen, hat Menzel ab 1848 zum Leben Friedrichs II. geschaffen. Sie sind erstmals vollständig zu sehen, eingeschlossen drei verschollene Gemälde als Reproduktionen im Originalformat, unter ihnen das nach einer Fotografie von 1905 erstellte „Leuthen-Bild“, und bilden den Mittelpunkt der von Kupferstichkabinett, Gemäldesammlung und Nationalgalerie initiierten umfangreichen und nachdenkenswerten Ausstellung, die nur noch bis zum 24. Juni gezeigt wird. Ein kleines Kabinett im Kabinett gibt u.a. Einblicke in die Werkstatt des großen Berliner Realisten.

(gekürzte Fassung in der Wochenzeitschrift „Die Kirche“ am 10. Juni erschienen)

 Wer die Ausstellung „…den alten Fritz, der im Volke lebt“ in der Alten Nationalgalerie nicht mehr besichtigen kann, der wird unbedingt mit dem im Seemann Verlag erschienenen und mit einer Chronik der Frideriziana versehenden Begleitbuch „So malerisch! Menzel und Friedrich der Zweite“ von Claude Keisch entschädigt. Der Band, der äußerlich wie ein Schulbuch daherkommt, hat es in sich. Der profunde Kenner des Menzelschen Quevres schärft unseren Blick und zeigt auf, wie Menzel, dem es immer ums das Malerische ging, benutzt wurde! Wie mit einem Seziermesser räumt er alte Vorurteile von Thronnähe und dergleichen aus, entwirft eine neue Sichtweise auf einen hochdekorierten und in den Adelsstand erhobenen Künstler und er deckt mit kriminalistischem Spürsinn das Geheimnis um die von Menzel selbst veranlasste Zerstörung des Leuthen-Bildes auf. Auf das Bild Bezug nehmend fragt sich der Autor Claude Keisch in dem Epilog des Begleitbuches angesichts der Tragödie dieses Bildes“ „ Könnte es sein….,dass van Goghs schäbige Jacke und Menzels ordensgeschmückter Frack ähnlich tiefe Wunden deckten?“

Maria Brigitte Hanke

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