Über die Grenzen der Religionen und Konfessionen

Umfangreiche Begegnungen mit geistlicher Musik in den Konzerten des RIAS-Kammerchores

Der RIAS-Kammerchor hat sein ganz eigenes, unverwechselbares Profil, das auch die Berliner Konzerte der kommenden Wochen und Monate bestimmen wird. Er zählt – seit zwei Jahrzehnten mit dem Alte-Musik-Spezialisten René Jacobs verbunden – zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis, setzt sich aber auch beispielhaft für die Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart ein. Der Musica sacra widmet er sich – die Grenzen der Religionen und Konfessionen überschreitend – in noch größerem Umfang als der Rundfunkchor. Mit gutem Grund, stammt doch Hans-Christoph Rademann, der den Chor seit 2007 als Chefdirigent leitet, selbst aus einer Kirchenmusikerfamilie und wurde entscheidend geprägt durch den Dresdner Kreuzchor, zu dessen Präfekten er zuletzt gehörte.

Die sechs Abonnementkonzerte der neuen Spielzeit 2012/13 sind ausschließlich geistlicher Musik gewidmet. Sie werden am 28. September im Kammermusiksaal der Philharmonie von dem italienischen Gastdirigenten Rinaldo Alessandrini unter Mitwirkung seines Kammerensembles Concerto Italiano eingeleitet mit einer feierlichen Vesper an San Marco in Venedig, in der Chorsätze aus Claudio Monteverdis „Selva morale e spirituale“ zu erleben sind. Am 12. Dezember bringt Hans-Christoph Rademann im Konzerthaus sämtliche sechs Kantaten von Bachs Weihnachtsoratoriums zur Aufführung. Am Neujahrsabend lässt er, wiederum mit der Akademie für Alte Musik, in der Philharmonie die Magnificat-Vertonungen von Johann Sebastian und seinem zweitältesten Sohn Carl Philipp Emanuel Bach sowie dessen Motette „Heilig, heilig ist Gott“ folgen. Im 4.Konzert stellt er am 1.März im Konzerthaus den norddeutschen Barockmeister Dietrich Buxtehude seinen österreichischen Zeitgenossen Johann Heinrich Schmelzer und Heinrich Ignaz Franz Biber gegenüber. Im 5. Konzert am 27. April widmet sich Michael Gläser Werken der Zeit vor und nach 1900, Messevertonungen von Josef Gabriel Rheinberger, dem Finnen Einojuhani Rautavaara und dem Schweizer Frank Martin neben Motetten von Heinrich Kaminski und Max Reger. Den abschließenden Höhepunkt setzt Rademann am 22. Juni mit Paul Hindemiths Kantate „Apparebit repentina dies“, der Messe Nr. 2 in ihrer Urfassung und Motetten von Anton Bruckner.

Auch auf dem „Experimentierfeld“ der vier Forumkonzerte dominiert die Musica sacra. Hervorgehoben sei der „Totentanz“ am 28. November in der Marienkirche mit dem 1982 entstandenen Madrigalzyklus „Schlag ein mit deiner Sichel“ von Rudolf Kelterborn, der um 1360 entstandenen „Messe de Nostre Dame“ von Guillaume de Machaut und Motetten flämischer Meister des 14. und 15. Jahrhunderts. Vielseitiges Interesse finden dürfte wohl auch der Abend zum 85. Geburtstag von Günter Grass in der Nikolaikirche am 24.Oktober mit seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“, gelesen von seiner Tochter Helene Grass, und Musik aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Mehr als zwei Jahrhunderte zurück führt das letzte der Forumkonzerte mit live musizierten Werken von Josquin Desprez und Philip Mayers zu dem Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“.

Die Reihe der Sonderkonzerte wird am 17. August von Ud Joffe in der Synagoge Rykestraße mit einer Freitagabendliturgie für Kantor und Männerchor von Jakob Dymont (1880 – 1956) eröffnet. Vom 11. bis 13.Oktober schließen sich in der Philharmonie unter Andrea Marcon drei Vivaldi-Abende mit dem Gloria in D als festlichem Abschluss an. Das ausschließlich Mozart gewidmete 5. Sonderkonzert am 25. und 26. Mai unter Iván Fischer, dem neuen Chefdirigenten des Konzerthausorchesters, schließt mit der Motette „Ave verum corpus“ und den „Vesperae Solennes de Confessore“.

Wesentlich umfangreicher als beim Rundfunkchor ist in den kommenden zehn Monaten die Reihe der Tourneekonzerte des RIAS-Kammerchores. Er beteiligt sich nicht nur in Deutschland an einer ganzen Reihe von Festivals, sondern gastiert – großenteils mit Werken der Kirchenmusik – auch in Belgien, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Polen und Armenien. In Warschau bringt Andrea Marcon Bachs Matthäus-Passion zur Aufführung. In Jerewan leitet Alexander Liebreich im Gedenken an die Massaker der Jahre 1915 bis 1917 das Requiem des hier lebenden Komponisten Tigran Mansurian, das im vergangenen Jahr in Berlin uraufgeführt worden war.

Nicht vergessen seien die CD-Produktionen, die in den letzten Wochen und Monaten erneut durch bemerkenswerte Neuerscheinungen bereichert wurden. Genannt seien vor allem, jeweils mit der Akademie für Alte Musik, Händels Oratorium „Belshazzar“ unter René Jacobs, eine Trauermusik auf den Tod Herzog Ernst Ludwigs von Sachsen-Meiningen von Johann Ludwig Bach, die Missa da Requiem des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian und von Wolfgang Rihm zu seinem 60. Geburtstag der Chorzyklus „Astralis“, die drei letztgenannten Aufnahmen unter Hans-Christoph Rademann.-

 

Wolfgang Hanke

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