Bachs Johannes-Passion als Tanztheater

Eindrucksvolle Neugestaltung des Werkes unter Christoph Hagel im Berliner Dom

Vor hundert Jahren wäre wohl noch von einem Sakrileg die Rede gewesen, wenn es ein Dirigent gewagt hätte, eine von Bachs Passionen als Tanztheater darzubieten. Dem Meister selbst war es 1723 bei seiner Verpflichtung zum Thomaskantor in Leipzig von der vorgesetzten Behörde, dem Rat der Messestadt, noch strengstens untersagt worden, seine für den Gottesdienst bestimmten Werke „opernhafftig“ zu gestalten, wie es an anderen Orten, vor allem in Hamburg, zu jener Zeit bereits längst üblich war. Doch die Zeiten und ihre Auffassungen haben sich von Grund auf gewandelt. In den vergangenen Jahrzehnten ist es für nicht wenige Interpreten geradezu zum Bedürfnis geworden, einige der herausragenden Werke Bachs, insbesondere die Passionen, nicht nur in der Kirche oder im Konzertsaal zum Hörerlebnis werden zu lassen, sondern sie auch auf der Schaubühne von Darstellern und Tänzern in die Tiefe dringend nachzuvollziehen.

Einen ersten, bald weltweit gefeierten Meilenstein dieser neuen Epoche der Bach-Interpretation auf dem Theater und der Ballettbühne setzte der US-amerikanische Tänzer und Choreograph John Neumeier 1980/81, in seinem 39. Lebensjahr, in Hamburg in engem Zusammenwirken mit dem aus der Bach-Stadt Leipzig stammenden Musikdirektor der St. Michaelis-Kirche, Günter Jena, der vor allem durch das Studium in seiner Heimatstadt und in München bei Karl Richter zum Bach-Spezialisten geprägt worden war. Er hatte den Anstoß gegeben, 1980 unter eigener musikalischer Leitung zunächst „Skizzen“, Teile der Matthäus-Passion, in Neumeiers Choreographie in der Michaelis-Kirche aufzuführen.

Das kühne Wagnis blieb nicht unumstritten, regte den bereits seit sieben Jahren erfolgreich an der Hamburger Staatsoper tätigen und zuvor bereits in Frankfurt am Main vielseitig erprobten Ballettmeister jedoch an, mit seinem Tanzensemble das Gesamtwerk einzustudieren und nun – wiederum unter Günter Jena am Dirigentenpult – im Opernhaus zur Diskussion zu stellen. Damit gelang der entscheidende Durchbruch, der den Anstoß gab zu weiteren Aufführungen in der Hansestadt und Gastspielen im In- und Ausland, aber auch Ballettkünstler und Dirigenten an anderen Orten inspirierte, dem Hamburger Beispiel zu folgen und es durch neue Ideen zu ergänzen.

Der Tanz eröffnet neue, dramatische Dimensionen

Berlin hat den Impuls aus Hamburg erst jetzt aufgegriffen, konnte damit aber sogleich mit ungetrübtem Widerhall rechnen und eine breite Öffentlichkeit erreichen. Das um so mehr, als mit dem Berliner Dom eine wahrhaft würdige Aufführungsstätte zur Verfügung stand. Der heute international als Opern- und Konzertdirigent tätige Initiator, Christoph Hagel, hatte bereits in den letzten Jahren – auch in Berlin – mit mehreren nichts weniger als alltäglichen Projekten an oft ungewöhnlichen Orten von sich reden gemacht. Dazu zählten Haydn- und Mozart-Opern in Berliner Museen, die „Zauberflöte“ im neu errichteten U-Bahnhof Bundestag kurz vor dessen offizieller Inbetriebnahme. Im Berliner Dom war Hagel bereits im Mai 2011 mit einer aufwändigen szenischen Aufführung von Haydns „Schöpfung“ zu Gast. Weit über die deutschen Grenzen hinaus wurde er bekannt mit dem ungewöhnlichen Crossover-Projekt „Flying Bach“ nach dem „Wohltemperierten Klavier“, das vor drei Jahren seine Erstaufführung in der Berliner Neuen Nationalgalerie erlebte und nach ersten Gastspielen in Wien, München, Zürich, Kopenhagen, Istanbul und Ankara in diesem Jahre auch in Montreal und Moskau, Stockholm und Florenz, Tokio und Doha, China und Australien präsentiert wurde bzw. werden soll.

Bei der Aufführung der Johannes-Passion, die auf einem vollständig mit Erde bedeckten Podium vor dem Stüler-Altar dargeboten wird, ging es Hagel nicht um die historische Aufführungspraxis. Die Berliner Symphoniker, denen er die Orchesterpartien übertrug, sind kein auf Bach und die Musik seiner Zeit spezialisierter Klangkörper. Sie bewähren sich aber zweifellos ebenso wie der Berliner Symphoniechor bei den packenden dramatischen Akzenten, die der Dirigent in enger Zusammenarbeit mit dem aus Ungarn stammenden Choreographen Martin Buczko anstrebt. Insgesamt sind an dieser Aufführung, die erstmals am 19. Februar zu erleben war und in der Karwoche, vom 26. bis zum 29. März, ihre abschließenden Höhepunkte erleben soll, mehr als hundert Mitwirkende aus zwölf Ländern, Brasilien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Island, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Spanien, Ungarn und den USA, beteiligt, die sich ausnahmslos, zum Teil ganz hervorragend, an ihren anspruchsvollen sängerischen, tänzerischen und darstellerischen Aufgaben bewähren.

Ein ganz besonderes Verdienst Hagels ist es, dass seine Inszenierung nicht nur in die Tiefe dringt, sondern auch Brücken zur Gegenwart schlägt. Sie übersetzt die biblische Passionsgeschichte in die Moderne. Gleich am Beginn zeigt sie – noch ohne Bachs Musik – in einer einprägsamen Video-Installation ein bewegendes aktuelles Gegenbild zur Gestalt des Pilatus in der tiefen Erschütterung darüber, ohne das nötige Verantwortungsbewusstsein zu einem völlig ungerechtfertigten Todesurteil genötigt worden zu sein. Auch im weiteren Verlauf der Aufführung, die man mit von Satz zu Satz wachsender Betroffenheit erlebt, erscheinen immer wieder tief berührende Parallelen über die Jahrtausende hinweg zwischen der Dramatik der letzten Tage im Leben Christi und der leidenden Kreatur in unserer Zeit. Hagel lässt es aber auch nicht an sicherem Gespür für die Aussagekraft und Größe von Bachs Musik und ihre Hintergründe fehlen.

Gastausstellung des Eisenacher Bach-Hauses

Das Eisenacher Bach-Haus bereichert die choreographische Inszenierung der Johannes-Passion durch eine Gastausstellung im Berliner Dom zum Thema „Bachs Passionen“. Sie kann bis zum Sonntag nach Ostern, dem 7. April, auf dem ausgedehnten Rundgang zur Dombesichtigung vom Erdgeschoss bis zur Kuppel und zur Hohenzollerngruft während der normalen Öffnungszeiten – Montag bis Samstag von 9 bis 19 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 12 bis 19 Uhr – besichtigt und klingend erlebt werden. Besonderes Interesse verdient eine Reihe von handschriftlichen Chorstimmen, die Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 in Berlin und 1841 in Leipzig für seine Wiederaufführungen von Bachs Matthäus-Passion anfertigen ließ. 62 dieser musikgeschichtlich sehr bedeutungsvollen Notenmanuskripte konnte das Bach-Haus im Dezember des vergangenen Jahres für eine nicht unbeträchtliche Kaufsumme von einem Stuttgarter Musikantiquariat erwerben. Sie geben aufschlussreiche Einblicke in die „romantischen Eingriffe“, die Mendelssohn für seine Aufführungen in Bachs Notentexten vornahm.

Über die in einer Potsdamer Design-Werkstatt hergestellten Trickfilme, die mehr oder weniger humorvoll in Bachs Leben und Wirken Einblick geben wollen, lässt sich streiten. Sie sollen wohl vor allem die jungen und jüngsten Ausstellungsbesucher ansprechen. Unbedingt hörenswert sind in jedem Fall die Tonaufnahmen einer Audioinstallation, die die Arie „Eilt, ihr angefocht`nen Seelen“ aus dem Passionstext von Barthold Hinrich Brockes in sieben sehr unterschiedlichen Vertonungen von Bach, Händel, Telemann, Stölzel, Mattheson und dem Hamburger Operndirektor Reinhard Keiser erklingen und höchst bedeutungsvolle Vergleiche ziehen lassen.-

 

Wolfgang Hanke

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