Wer war Rembrandt Bugatti?

Weltweit erste museale Einzelausstellung eines vergessenen Bildhauers des frühen 20. Jahrhunderts in der Alten Nationalgalerie zu Berlin

Sie ziehen den Betrachter schon von weitem in den Bann, die gelben  Fahnentücher  mit den schwarzen Versalien: REMBRANDT BUGATTI. Wer steckt hinter dem Künstler, dessen Name in so großen Lettern den Eingang zur Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel säumt? In den einschlägigen Lexika suchen wir vergebens. Nur eine Randfigur der Kunstgeschichte, die zu huldigen man sich anschickt? Keinesfalls! Rembrandt Bugattis Werke gehören zwar zu den teuersten der Welt und befinden sich vorwiegend in Privatbesitz. Das schmälert jedoch keinesfalls den „Bildhauer mit Ausnahmetalent“, den „Impressionisten der Skulptur“, einen gleich van Gogh obsessiven und von Zweifeln getragenen Künstler, der an den Grausamkeiten des 1.Weltkrieges zerbrach und dessen kurzes künstlerisches Wirken wir bedauern müssen. Er nahm sich 1916 in seinem Atelier in Paris das Leben. Kurz vor seinem Tod entstand die tief berührende Bronzefigur „Christus am Kreuz“, die im Caspar-David-Friedrich-Raum im 3. Obergeschoss der Alten Nationalgalerie den Blick auf sich zieht. Es ist ein Auftragswerk des französischen Grafen de Gramont. In dem die Ausstellung begleitenden sehr informativen Katalogband heißt es dazu: „Angesichts von Krieg und nahem Tod drängt es sich auf, seinen Christus am Kreuz als Abschiedswerk zu sehen, das Rückschlüsse auf seine Verfassung zuzulassen scheint.“ Da war Franz Marc bereits vor Verdun gefallen

Schon in jungen Jahren wird Rembrandt Bugatti eine große Künstlerschaft bescheinigt. So schreibt 1904  ein Kritiker im Anschluss an die erste Einzelausstellung in Paris: „Dieser sehr junge Mann ist ein außerordentlicher Künstler, und ich weiß nicht, was ihm zum großen Künstler fehlen könnte. Vielleicht das Alter?“ Da ist er gerade 20, hat schon in Mailand und auf der ersten Quadriennale in Turin 1902 ausgestellt, in unmittelbarer Nachbarschaft zum deutschen Bildhauer August Gaul (1869-1921), dessen  „Stehende Löwin“ damals für Furore sorgte, und ist unter Vertrag bei der berühmten Gießerei Hébrard. Wenige Jahre später würdigt ihn einer der einflussreichsten Kunstkritiker des frühen 20. Jahrhunderts als „einen unserer stärksten Animalier …Bugatti schreitet mit Riesenschritten voran, wir können zu Recht behaupten, dass er es sehr weit bringen wird.“ Seine Werke, vor allem Tierplastiken, werden neben Mailand, Turin und Paris auch in Venedig, Rom, Antwerpen, New York und 1905 bereits in Berlin gezeigt. Einen kleinen Bronzeguss, „Französische Bulldogge“, erwirbt der damalige Direktor der Nationalgalerie und Verfechter der Moderne, Hugo von Tschudi, 1906 mit Hilfe eines privaten Spenders für die Berliner Sammlung. Es ist wohl die einzige Plastik des 300 Werke umfassenden Oeuvres Bugattis, das sich in deutschem Museumsbesitz befindet.

Geborener Bildhauer

Rembrandt Bugatti, am 16. Oktober 1884 in Mailand geboren, entstammt einer unkonventionellen, außergewöhnlichen Künstlerfamilie, deren familiäre Beziehungen bis zu Michelangelo zurückreichen. Wahrscheinlich wurde ihm die künstlerische Natur bereits in die Wiege gelegt. Wie auch dem drei Jahre älteren Bruder Ettore, der den Namen Bugatti durch den Bau von Rennwagen im elsässischen Molsheim weltbekannt machte. – Die Elefantenfigur auf dem Bugatti Royale, der noch heute Kultstatus besitzt, stammt von Rembrandt. –

.Schon der Großvater Giovanni Luigi Bugatti war Bildhauer. Der Vater Carlo, Maler, Architekt und Möbeldesigner, ermutigt die Kinder, sich schon früh in seiner Werkstatt zu erproben. Er versammelt in seinem Hause nicht nur Bildhauer, Maler, Schriftsteller, sondern auch Musiker wie Giacomo Puccini, Ruggiero Leoncavallo und Geistesgelehrte. Obwohl Rembrandt keine akademische Ausbildung erfährt, bietet ihm das antiakademische Elternhaus prägende Erfahrungen und Möglichkeiten der künstlerischen Reifung. Von seinem Onkel, Giovanni Segantini, der mit zwei Bildern in der Nationalgalerie vertreten ist, erhält er den Blick für das Malerische. „Die Journalisten nennen mich den Segantini der Skulptur. Das ist zuviel“, äußert sich Rembrandt 1904 gegenüber einer Cousine. Da ist er mit seiner Familie schon nach Paris übersiedelt, wo Picasso, Braque, Matisse arbeiten. Noch in Paris wirkt der Bildhauer Paul Troubetzkoy für seine Porträts von Persönlichkeiten der Belle Epoque bekannt, weiterhin befruchtend auf die künstlerische Entwicklung Rembrandts ein, nicht nur als Lehrer, auch Bruder. Beide erproben ein neues Material, Plastilin, eine Mischung von weißer Tonerde, Oel und Wachs. Es härtet langsamer und die Skulptur ist dadurch länger formbar, ehe sie im Wachsausschmelzverfahren in Bronze gegossen wird. Das entspricht ganz dem Wunsch Rembrandt Bugattis, der seinen Tierskulpturen nicht nur Körper, sondern auch Seele gibt. “Ich hoffe und ich glaube, dass es mir gelingen wird, ein Gesamtwerk zu schaffen, das kein heutiger oder früherer Tierbildhauer je geschaffen hat.“

„Freiluftatelier Antwerpener Zoo“

Bugatti fertigt keine Vor- und Anatomiestudien. Er beobachtet die Tiere, tage- und wochenlang, bis er mit dem größten Einfühlungsvermögen sensibel zu modellieren beginnt. Die Möglichkeit dazu bietet ihm mehr als Paris ab 1906 der Zoo von Antwerpen. Er zählt damals durch die Vielfalt der Tiere, die aus den belgischen Kolonien kamen, zu den wichtigsten seiner Zeit und  hat sich zudem die Förderung der Künste zu eigen gemacht. „Mein Trost ist der Zoo, wo ich meinen ganzen Tag verbringe.“ Die Obsession geht so weit, dass sich Rembrandt Bugatti über Monate mit zwei senegalischen Antilopen aus dem Antwerpener Zoo das Pariser Atelier teilt, um Verhaltens- und Lebensweise  der Tiere besser einfangen zu können. Als 1914 die deutschen Truppen Antwerpen besetzen, wird der Zoo in ein Feldlazarett umgewandelt, die Tiere, Bugattis „tägliche Freunde“ verhungern oder werden getötet. Das bricht ihm fast das Herz.

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie ist deren Leiter Philipp Demand zu danken. Als er vor drei Jahren sein Amt antrat, war er von dem Wunsch beseelt, Rembrandt Bugattis Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Er hatte in Antwerpen die Skulpturen des Künstlers für sich entdeckt. “Ich war sprachlos, als ich sie sah… Wenn man sie einmal betrachten kann, lassen sie nicht mehr los“ äußerte er sich bei  der Eröffnung der Ausstellung, die nur durch die finanzielle Unterstützung des Volkswagen-Unternehmens und der Freunde der Nationalgalerie realisiert werden konnte. Nun geben die 80 Skulpturen, Elefanten, Löwen, Tiger, Panther und Leoparden, Kamele, Nilpferde, Kängurus, Affen, Bären, Wölfe, Flamingos, Antilopen, die vorwiegend aus Privatbesitz stammen, in ihrer Lebendigkeit, in den verschiedensten berührenden Bewegungen und Konstellationen, in ihrer Unmittelbarkeit und harmonischen Korrespondenz mit den angestammten Bildern der Alten Nationalgalerie einen ganz besonderen Reiz. Sie sind über drei Etagen des Hauses verteilt und in ihrer Einmaligkeit noch bis zum 27. Juli zu besichtigen

 

Maria Brigitte Hanke

 

 

Bilder unter www.rembrandtbugattiinberlin.de

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