Der dritte Jahrgang des Kammermusik-Festivals „Intonations“ im Glashof des Berliner Jüdischen Museums

Mit unverwechselbar eigener Note

Elena Bashkirova - Festivalleiterin und Pianistin © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Elena Bashkirova – Festivalleiterin und Pianistin
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Kammermusikfestivals gewinnen gegenwärtig wieder zunehmend an Bedeutung und internationaler Ausstrahlungskraft. Eine ganz besondere, unverwechselbar eigene Note haben die beiden Festivalzyklen gewonnen, die Elena Bashkirova 1998 in Jerusalem und 2012 im Berliner Jüdischen Museum ins Leben rief und seitdem Jahr für Jahr mit jeweils neuen Initiativen weiterführt. Berlin erlebte vom 7. bis 11. Mai das dritte der „Intonations“ betitelten Festivals. In einem seiner Brennpunkte stand der 150. Geburtstag von Richard Strauss, der neben seinen französischen Zeitgenossen Claude Debussy und Maurice Ravel als einer der Wegbereiter der Musik des vergangenen Jahrhunderts gewürdigt, aber auch in der Vielgestaltigkeit seines umfangreichen Schaffens aus rund sieben Jahrzehnten beleuchtet wurde. Ein besonderes Gedenken galt dem Ausbruch des ersten Weltkriegs vor hundert Jahren.

Einen eindringlichen Akzent setzte sogleich am Beginn des Eröffnungskonzerts eine der genialsten Begabungen der damaligen jungen Komponistengeneration, Rudi Stephan, der 1915, erst 28 Jahre alt, bei den Kämpfen in Ostgalizien ums Leben kam. Von ihm war eine vier Jahre zuvor entstandene Musik für sieben Saiteninstrumente zu erleben. Anton Webern, der am Ende des zweiten Weltkriegs sein Leben verlor, kam mit bewegenden Gesängen aus der Zeit des ersten Krieges zu Wort, gesungen von Mojca Erdmann, begleitet am Klavier von dem Israeli Iddo Bar-Shai und einem Kammerensemble unter dem 1969 in London geborenen David Robert Coleman, der am Tag zuvor bereits mit der Uraufführung von drei hochvirtuosen Stücken für Klarinette und Klavier aus der eigenen Feder Zeichen setzte. Er fand in dem aus Wien stammenden Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker Andreas Ottensamer einen mitreißenden Partner.

Das Kammermusikfestival »intonations - das Jerusalem International Chamber Music Festival« im Jüdischen Museum Berlin 2013 © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Das Kammermusikfestival »intonations – das Jerusalem International Chamber Music Festival« im Jüdischen Museum Berlin 2013
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Monika Rittershaus

Insgesamt waren an dem dritten Berliner „Intonations“-Festival in sechs Konzerten an fünf Tagen 38 Künstlerinnen und Künstler aus 14 Nationen mit Werken von 16 Komponisten aus 250 Jahren beteiligt. Auch Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und Johannes Brahms waren mit herausragenden Werken präsent, gefolgt an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert von Max Reger und dem polnischen Meister Karol Szymanowski. Für einen ganz eigenen Klangreiz sorgte der 1971 in Tel Aviv geborene Guy Braunstein, der von 2000 bis 2013 der Berliner Philharmonie als jüngster Konzertmeister angehört hatte, mit seinem geistvollen Kammermusik-Arrangement der Suite „Le Bourgeois Gentilhomme“ von Richard Strauss.

Stürmischer Beifall für imponierende Leistungen

Besondere Aufmerksamkeit galt Edward Elgar, der die Musikentwicklung der ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts in England nachhaltig geprägt hat. Seinem 1918/19 entstandenen Klavierquartett op. 84 war unmittelbar vor dessen Aufführung ein „Quartett der Kritiker“ mit Hörbeispielen und Kommentaren zu den Hintergründen des Werkes gewidmet. Nicht vergessen werden darf der „junge Revoluzzer“ Kurt Weill, von dem die Sopranistin Angela Denoke und Tal Balshai am Klavier ein fesselndes Kontrastprogramm mit vier Songs darboten. Einen ganz besonderen  Höhepunkt setzte Mojca Erdmann mit dem 2006 entstandenen Vokalzyklus für Solosopran „Ollea“ nach Texten von Heinrich Heine, für den sie und der renommierte Berliner Komponist Aribert Reimann mit stürmischem Beifall gefeiert wurden.

Das »Quartett der Kritiker« über Edward Elgars Klavierquintett a-Moll op.84 © Felix Broede

Das »Quartett der Kritiker« über Edward Elgars Klavierquintett a-Moll op.84
© Felix Broede

Nicht enden wollende Ovationen riefen auch andere Darbietungen hervor. Das war um so erstaunlicher, als das Gesamtprogramm nicht von langjährig miteinander verbundenen Ensembles bestritten wurde. Die Mehrzahl der Mitwirkenden konnte sich erst unmittelbar vor dem Beginn der vorbereitenden Probenarbeit zusammenfinden. Allerdings hatte sie die Initiatorin Elena Bashkirova mit dem ihr eigenen Gespür ausgewählt und mitzureißen vermocht. So entstand innerhalb weniger Tage eine enge Gemeinschaft zwischen den seit langem hochrenommierten Mitgliedern internationaler Spitzenorchester und den jungen Talenten. Bei den Letzteren handelte es sich fast in jedem Fall um eminente Begabungen, die bereit und fähig waren, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig zu inspirieren, ungeachtet der Tatsache, dass sie zum Teil aus gänzlich anderen Heimatregionen kamen und an den unterschiedlichsten Ausbildungsstätten studiert hatten: in Deutschland, Österreich, Rumänien, der Schweiz, Italien, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien, den USA, Japan, Australien, aber auch – sehr zahlreich – in Israel und der Türkei.

Viele der jungen Festivalteilnehmer hatten bereits hoch angesehene internationale Auszeichnungen gewonnen. Sie waren dennoch sehr glücklich, sich an der Seite von so prominenten älteren Partnern wie Kolja Blacher, Radu Lupu, dem schwedischen Violoncello-Professor Frans Helmerson oder dem Solocellisten der Berliner Philharmoniker Ludwig Quandt bewähren zu können. Leider war es dem Budapester Pianisten András Schiff erkrankungshalber nicht möglich, an dem Festival mitzuwirken. Dadurch musste ein weiteres bedeutungsvolles Memento auf einen bisher noch unbestimmten späteren Zeitpunkt verschoben werden: Viktor Ullmanns Melodram „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets“ nach Rainer Maria Rilke, das ihr Komponist unter schwierigsten Bedingungen im Juli 1944 noch wenige Wochen vor seiner Deportation nach Auschwitz im Konzentrationslager Theresienstadt vollenden konnte. Robert Holl, der die Solopartie gestalten sollte, entschied sich statt dessen, von Elena Bashkirova wunderbar einfühlsam am Klavier begleitet, für ein nicht minder packendes Werk von Franz Schubert aus seinem „Krisenjahr“ 1818, „Einsamkeit“.

Dank der großzügigen Förderung durch die Evonic Industries AG und die Gastfreundschaft des Jüdischen Musums sind auch die nächsten Jahrgänge des Berliner Festivals „Intonations“ gesichert. Wiederum von ihrer Begründerin vorbereitet und geleitet, werden sie vom 18. bis 23. April des kommenden Jahres und vom 16. bis 21. April 2016 stattfinden. Das Programmheft des diesjährigen Festivals behält seinen Wert weit über den Veranstaltungszyklus hinaus. Es informiert auf 40 Druckseiten und einem umfangreichen Begleitblatt zu den nachträglichen Veränderungen nicht nur ausführlich über sämtliche aufgeführten Werke und deren Komponisten, sondern hält auch die Interpreten in jeweils eine halbe Seite füllenden Kurzbiographien und Fotos fest.-

 

Wolfgang Hanke

Die Vielzahl der Mitwirkenden und der aufgeführten Werke macht es leider unmöglich, sie in einem zwangsläufig nur kurzen Bericht lückenlos zu würdigen. Zwei ergänzende Beiträge sollen jedoch noch der Initiatorin und Leiterin des Festivals, Elena Bashkirova, und der Veranstaltungsstätte, dem „Glashof“ des Berliner Jüdischen Museums, gewidmet werden.

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