Die Erste Brandenburgische Landesausstellung im Schloss Doberlug erreichte imponierende Besucherzahlen

Brandenburg hat im Gegensatz zu seinem Nachbarland Sachsen lange gezögert, seine wechselvolle Geschichte und deren Träger mit einer eigenen Landesausstellung in das Blickfeld einer breiten internationalen Öffentlichkeit zu rücken. Für das derzeitige Jahr 2014 fiel endlich die Entscheidung. Sie war allerdings mit einem weitaus umfangreicheren Anspruch verbunden als die bisherigen sächsischen Landesausstellungen und bezog unter dem Leitgedanken „Preußen und Sachsen. Szenen einer Nachbarschaft“ ganz bewusst Sachsen in den umfangreichen Kontext ein im Blick auf das zeitweilig einvernehmliche Zusammenwirken, aber auch die seit dem 18. Jahrhundert zunehmenden Konflikte und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Kurfürstentümern bzw. Königreichen.

Am Abend des ersten Novembersonntags schloss die Ausstellung nach 134 Tagen der Öffnung in annähernd fünf Monaten ihre Pforten. Das festliche Finale mit einem weithin ausstrahlenden Höhenfeuerwerk im Umfeld des Schlosses und einem Ökumenischen Gottesdienst in der Klosterkirche hatte nochmals einen immensen Besucherzustrom aus Nah und Fern ausgelöst. Insgesamt wurden vom 7. Juni bis zum 2.November 96 118 Gäste aus dem In- und Ausland gezählt – weit mehr als erwartet. Für Tausende von Schülern gab es Sonderführungen. Selbst ferne Kontinente waren präsent. Auch die annähernd gleichzeitig veranstalteten Partnerausstellungen in acht brandenburgischen und drei sächsischen Orten fanden eminenten Zuspruch und Widerhall. Die Branitzer Ausstellung „Herrschaftszeiten! Adel in der Niederlausitz“ zog allein 22 100 Besucher an, so viele, wie sich bisher noch nie in einer Sonderausstellung des Pückler-Schlosses im Randgebiet von Cottbus eingefunden hatten. Sie wird gegenwärtig nochmals in etwas geringerem Umfang in der polnischen Grenzstadt Gubin an der Neiße gezeigt.

Weiterhin geöffnet bis Anfang April 2015 bleibt die Partnerausstellung des Niederlausitzer Museums Luckau in dessen Kulturkirche im Bereich des einstigen Dominikanerklosters: „Die Lust am Leben. Sächsische Lebensart in Preußen“. Im Senftenberger Schloss wurde eine neue Dauerausstellung installiert: „Senftenberg. Sachsens Festung in Brandenburg“. Gleiches geschah im Webhaus Kloster Zinna , dessen Heimatort in diesem Jahr sein 250. Gründungsjubiläum begehen konnte. Hier geht es um die „Friedrichstadt Zinna“ an Sachsens Grenze. Das Museum Bautzen zeigt noch bis Ende Februar des kommenden Jahres eine Ausstellung zum Thema „1815 plusminus. Das Bautzener Land und die Entstehung der sächsischen Oberlausitz“.

Als wir damals ‚Musspreußen’ wurden“

Die weiteren Partnerausstellungen sind inzwischen geschlossen. Sie werden aber zweifellos durch Kataloge und andere Erläuterungsmaterialien wie auch durch ausführliche Berichte der Tages- und Fachpresse in der Erinnerung bleiben und fortwirken. Das Sänger- und Kaufmannsmuseum in Finsterwalde würdigte Paul Gerhardt, den wohl bekanntesten Dichter geistlicher Lieder im 17. Jahrhundert. „Was Sachsen recht ist, ist Preußen billig“ war im Eisenkunstgussmuseum Lauchhammer über die Eisenwerke der Grafen von Einsiedel zu lesen, die sich unter sächsischer und preußischer Herrschaft zu behaupten wussten. Im mitteldeutschen Wandermarionettentheater Bad Liebenwerda hieß es „1815. Als wir damals ‚Musspreußen’  wurden“, im Lessing-Museum Kamenz  „Ein Sachse in Preußen“. Nicht vergessen werden darf die Neißestadt Görlitz mit ihren Ausstellungen im Kulturhistorischen und Schlesischen Museum zum Thema „Beharren im Wandel. Der Adel Schlesiens und die Oberlausitz seit dem 18. Jahrhundert“.

Für die Ausstellung im großzügig wiederhergestellten Renaissance-Schloss Doberlug gilt ganz speziell, dass sie in Erinnerung bleiben und fortwirken wird. Der umfangreiche Katalog mit mehr als 540 Seiten im Großformat und einer Vielzahl von Abbildungen, herausgegeben von Frank Göse, Winfried Müller, Kurt Winkler und Anne-Katrin Ziesak für das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte im Sandstein-Verlag Dresden, hält nicht nur alle wesentlichen Details fest, die in den sieben Szenen der Ausstellung gezeigt und dargestellt werden. Er gibt unter Einschluss von Prolog und Epilog auch den größten Teil der rund 300 Bild- und Sachzeugnisse mit mehr oder weniger ausführlichen Erläuterungen wieder, die aus einer Vielzahl deutscher und internationaler Museen und Sammlungen ausgeliehen werden konnten, und gestattet, sie sehr viel gründlicher zu betrachten und zu studieren, als es der Rundgang durch die zumeist voll besetzten Ausstellungsräume erlauben konnte.

Ein Katalog, der zu intensiven Studien anregt

Seine herausragende Bedeutung gewinnt der in der Ausstellung erstaunlich preisgünstig, für nur 25 Euro, angebotene und daher am letzten Tage restlos ausverkaufte Katalog durch mehr als 40 Aufsätze namhafter Experten, die umfassende Aufschlüsse über die unterschiedlichsten speziellen Themen der sächsischen und brandenburgischen Landes-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte geben und zu intensiven Studien anregen. Auch die Baukunst, die Bildnismalerei, das Musikschaffen, die Opernpräsentationen an den Hoftheatern in Dresden, Berlin und Potsdam kommen eingehend zur Sprache. Der Wandel der religiösen Bekenntnisse wird beleuchtet, die zeitweilige Bindung zwischen Sachsen, Polen und Litauen umfassend dargestellt. Den Lausitzer Sorben ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Das Schwergewicht der Darstellungen liegt allerdings nicht auf der frühen Geschichte, sondern auf der Zeit nach 1800, als Sachsen durch das Bündnis mit Napoleon während des Wiener Kongresses vor 200 Jahren, 1814/15, nahezu zwei Drittel seines Territoriums an Preußen verlor. Das Kloster Doberlug stand daher nicht im Brennpunkt der Ausstellung. Es wird im kommenden Jahr aus Anlass seiner Gründung vor achteinhalb Jahrhunderten, 1165, eingehend in seiner geschichtlichen und kulturellen Bedeutung gewürdigt werden. Der noch von der späten Romanik geprägte Kirchenbau verlieh dem Gesamtensemble aber bereits während der Landesausstellung eine ganz eigene, die Besucher tief berührende Atmosphäre und vertiefte ihr Erlebnis ganz entscheidend.

Als Touristenführer lässt sich der immens schwergewichtige Ausstellungs-Katalog ohne Frage nicht nutzen. Für diesen Zweck hat der bereits erwähnte Dresdner Verlag zwei weitaus leichter zu handhabende, aber gleichfalls sehr reich illustrierte Publikationen herausgebracht. Wer sich umfassend über die Geschichte der Schlossbauten auf den Grundmauern und Gewölben des einstigen Abtshauses vom Zisterzienserkloster und ihre Auftraggeber informieren möchte, kommt jedoch nicht umhin, den Katalog zu studieren, der auch umfassend Auskunft gibt über die Jahre seit 1657, als das Schloss denkbar großzügig zu einer der Residenzen des zeitweiligen Herzogtums Sachsen-Merseburg ausgebaut wurde, aber auch nicht verschweigt, dass der Schlossbau zu Zeiten der DDR als Armeedomizil für die Öffentlichkeit unzugänglich war und viel von seiner einstigen Schönheit verlor, die es durch die seit den 90er Jahren erfolgten gründlichen Restaurierungsarbeiten wiedergewinnen konnte. Doberlug wird damit auch in den kommenden Jahren als Touristenziel viel von der einzigartigen Anziehungskraft bewahren, die es durch die Erste Brandenburgische Landesausstellung gewann, und weiterhin prägende Ereignisse in Gestalt von Ausstellungen, Tagungen, Vorträgen, Konzerten und vielem anderen mehr erwarten lassen.

 

Wolfgang Hanke,

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