Hinreißend musizierte Entdeckungen: Die Berliner Ökumenische Seniorenkantorei sang Magnificat

Die Berliner Ökumenische Seniorenkantorei sang unter KMD Konrad Winkler Magnificat-Vertonungen des 17. und 18. Jahrhunderts

Man kann nur mit tiefem Bedauern zur Kenntnis nehmen, dass eins der packendsten, musikgeschichtlich bedeutungsvollsten Berliner Kirchenkonzerte der letzten Wochen völlig unverdient einen denkbar geringen Zuspruch fand. Erschwerend kam hinzu, dass die Raum-Akustik der Corpus-Christi Kirche unter der schwachen Besetzung der Bankreihen litt. Glücklicherweise waren die von daher nur schwer verständlichen Texte des lateinischen Originals und seiner deutschen Übertragung im Programmblatt abgedruckt und damit ausnahmslos nachvollziehbar. Der von seinem Kantor vorzüglich geschulte Chor, die vier Gesangssolisten Susanne Hammer, Irene Schneider, Volker Nietzke und Tobias Hammer, das Kammerorchester „musica sequenza“ und Dr. Dietmar Hiller an der Truhenorgel hätten aber in jedem Fall eine weitaus größere Zahl  interessierter Zuhörer verdient.

Für das zweite diesjährige Konzert der seit Januar 2013 in der Nachfolge des früheren Domkapellmeisters Michael Witt von ihm geleiteten Ökumenischen Seniorenkantorei hatte KMD Konrad Winkler vier selten zu hörende Vertonungen des Magnificat aus dem 17. und 18. Jahrhundert ausgewählt. Sogleich das erste Werk, Heinrich Schütz´ „Deutsches Magnificat“ aus seiner späten Sammlung „Schwanengesang“, hinterließ packende Eindrücke. Die drei weiteren Magnificat-Kompositionen  faszinierten vor allem als echte Entdeckungen. Sie rückten Komponisten in den Brennpunkt, die erst in den letzten Jahrzehnten wieder in ihrer vollen Bedeutung erkannt wurden.

Der Älteste unter ihnen war Wolfgang Carl Briegel, geboren 1626 im unterfränkischen Königsberg, Organist in Schweinfurt, Kantor am Hof in Gotha und schließlich mehr als dreieinhalb Jahrzehnte, bis1709, hoch geschätzt als Hofkapellmeister in Darmstadt. Aus Nordböhmen stammte Jan Dismas Zelenka. Er war zunächst Kontrabassist in der Dresdner Hofkapelle. Komposition studierte er 1715/16 bei Johann Joseph Fux in Wien und Antonio Lotti in Italien. Seit 1721 schuf er wiederum in Dresden ein umfangreiches kirchenmusikalisches Oeuvre und errang sich bei Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und anderen führenden Meistern seiner Zeit hohes Ansehen. Rund vier Jahrzehnte jünger war der gleichfalls aus Böhmen stammende Johann Georg Schürer. Er trat 1748 als „Kirchencompositeur“ in die Dienste des Dresdner Hofes und schrieb hier eine Vielzahl von Messen, Oratorien und weiteren Werken der Musica sacra, nachdem er zuvor bereits mit Werken für das Musiktheater auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die „Vesperae Dominicales“ mit einem abschließenden Magnificat zeigen eine beachtliche Begabung. Wie die Werke von Briegel und Zelenka  konnten auch sie sich an diesem denkwürdigen Abend eindrucksvoll neben Bachs erster Orchestersuite behaupten, mit der das Kammerorchester „musica sequenza“ wohl am nachhaltigsten seine imponierenden Fähigkeiten unter Beweis stellen konnte.

 

Wolfgang Hanke

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