Brückenschlag zwischen Korea, Frankreich und Deutschland

Die Internationale Isang Yun Gesellschaft setzt 17 Jahre nach ihrer Gründung neue Akzente

Die Internationale Isang Yun Gesellschaft, 1996, ein Jahr nach dem Tod des koreanischen Komponisten in Berlin gegründet, setzt auch in diesem Jahr ihre umfangreichen Aktivitäten zur Würdigung seines Lebens und Schaffens und zur Vertiefung der Kenntnis seiner Position in der internationalen Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts fort. Ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung, die am 3. November im Zentralbau der Berliner Universität der Künste in der Bundesallee, dem einstigen Joachimsthalschen Gymnasium, stattfindet, geht am gleichen Ort eine aufschlussreiche Gegenüberstellung von Isang Yun und Claude Debussy voraus. Sie wird am Nachmittag des 2. November eröffnet mit drei gleichzeitig stattfindenden Workshops zur Interpretation von Yuns Flötenmusik, seinen Werken für Violoncello und den 1915 entstandenen Douze Études pour piano von Debussy, mit dessen Schaffen sich Isang Yun in seinen frühen Studienjahren in Paris, Berlin und Freiburg sehr intensiv auseinandergesetzt hat. Geleitet werden die Kurse von dem Flötisten und Musikwissenschaftler Henrik Wiese, der Cellistin Adele Bitter und dem Pianisten Klaus Hellwig; der seit 1980 an der Berliner Universität der Künste unterrichtet.

Die Jahrestagung setzt sich fort am 3. November um 11 Uhr im Joseph-Joachim-Saal mit einer zyklischen Aufführung von Debussys Klavieretüden und den Etüden, die Isang Yun 1974 für die Soloflöte und 1993 für das Violoncello komponierte. Neben den Leitern von zwei der Workshops des Vortages sind in diesem Solistenkonzert die seit dem vergangenen Jahr an der UDK tätige japanische Pianistin Mizuka Kano, der stellvertretende Soloflötist der Sächsischen Staatskapelle Dresden Bernhard Kury, der Solo-Cellist des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin Mischa Meyer und der aus Minsk stammende Cellist und Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe Uladzimir Sinkevich zu erleben. Der Mitgliederversammlung unmittelbar voraus geht um 14.30 Uhr im Joseph-Joachim-Saal eine Voraufführung des in diesem Jahr entstandenen Films „InBetween. Isang Yun in North and South Korea! Von Maria Stodtmeier in deutscher Fassung.

Ein weiteres sehr bedeutungsvolles Verdienst hat sich die Isang Yun Gesellschaft erworben durch die Veröffentlichung von Tonaufnahmen prägender Werke. Zum großen Teil handelt es sich dabei um Live-Mitschnitte herausragender Aufführungen vergangener Jahre und Jahrzehnte mit namhaften Interpreten. Eine ganze Reihe von ihnen entstand in eigenen Konzerten der Gesellschaft. Vor wenigen Wochen erschien die neunte CD dieser verdienstvollen Reihe. Sie wird eröffnet von Bernhard Kury mit der ersten der fünf Flöten-Etüden von 1974 in einer Neuaufnahme, die im vergangenen Jahre im Auftrag der UdK im Tonstudio Bundesallee entstand. Ein Jahr zuvor spielte Liam Mallett am gleichen Ort auf einer Altflöte sehr eindringlich die zweite Etüde ein. Das von Isang Yun als „Gasa“ bezeichnete Werk von 1963, ein erzählender Gesang auf den Spuren alter koreanischer Traditionen, ist in zwei unterschiedlichen Klangversionen in Live-Mitschnitten zu erleben, im Original für Violine und Klavier von 1999 aus dem Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule mit Hansheinz Schneeberger und Andreas Kersten und mit der Uraufführung einer klanglich durch vielgestaltiges Schlagwerk bereicherten Neufassung von 2008 im Konzertsaal der Berliner Bundesallee, mit der sich Schneeberger sehr eindrucksvoll der asiatischen Klangwelt zu nähern suchte. Als fünftes Werk der CD erklingt das 1986 im Auftrag von Radio France entstandene Quintett für Flöte und Streichquartett in einer Aufnahme des Saarländischen Rundfunks mit der damaligen Soloflötistin des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken, Roswitha Staege, seit 1966 Professorin an der Berliner UdK, und weiteren Mitgliedern des gleichen Klangkörpers.

Der besondere Wert der bisher neun von der Isang Yun Gesellschaft herausgegebenen CDs liegt darin, dass sie, zum großen Teil von ihrem Präsidenten, Walter-Wolfgang Sparrer, verfasst, sehr ausführliche Werkeinführungen und Biographien der Interpreten enthalten und darüber hinaus auch mit reichen Illustrationen tiefe Einblicke in das Lebens- und Schaffensumfeld des Komponisten geben. Inzwischen befindet sich eine zehnte CD mit Werken von Isang Yun in Vorbereitung. Sie lässt das Konzert für Oboe bzw. Oboe d’amore und kleines Orchester von 1990 mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Heinz Holliger als Solisten und Dirigenten, den achtstimmigen Chor „O Licht…“ mit Solo-Violine und Schlagzeug nach Nelly Sachs und einem Gebet des Buddhismus von 1981 mit dem Chor des Süddeutschen Rundfunks und Solisten unter Marinus Voorberg und die Kammersinfonie II „Den Opfern der Freiheit“ von 1989 im Mitschnitt der Uraufführung mit dem Ensemble Modern unter Lothar Zagrosek erwarten. Das zweite und dritte Werk dieser Aufnahme beleuchten noch einmal ganz eindeutig und bewegend Yuns mutiges politisches Engagement, das er sich auch durch die Verschleppung aus Deutschland und die mehrjährige Gefangenschaft und lebensbedrohende Folter im Auftrag der zeitweiligen Diktatur in seiner koreanischen Heimat nicht beirren ließ.

 

Wolfgang Hanke

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